Rückgang in Jugendmannschaften: „Wir müssen gegensteuern“

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Zielstrebig: Nova Hartmann von der HSG Union ’92 Halle tankt sich bei einem Vorbereitungsturnier gegen eine Rivalin durch. Doch immer weniger Kinder suchen ihre Herausforderung im Mannschaftssport Handball. - © Foto: Andre Schneider
Zielstrebig: Nova Hartmann von der HSG Union ’92 Halle tankt sich bei einem Vorbereitungsturnier gegen eine Rivalin durch. Doch immer weniger Kinder suchen ihre Herausforderung im Mannschaftssport Handball. (© Foto: Andre Schneider)

Altkreis Halle. Heinz-Hermann Jerrentrup, stellvertretender Vorsitzender des Handballkreises, erklärt den Rückgang von Jugendmannschaften. Die vielen Aufstiegsspiele sieht er kritisch.

Herr Jerrentrup, laut einer Statistik, die der Handballkreis Gütersloh beim jüngsten Staffeltag vorgelegt hat, ist die Zahl der Jugendmannschaften kreisweit von 262 im Jahr 2014 auf 226 in 2015 gefallen. Der Abwärtstrend hält in abgeschwächter Form bis heute an. Woran liegt das?

Heinz-Hermann Jerrentrup: Das liegt vor allem an der demografischen Entwicklung. Es gibt weniger Kinder, und der Drang, Mannschaftssport zu machen, hat abgenommen. Früher war das anders. Da haben die Eltern ihre Kinder zum Handball oder Fußball geschickt. Etwas anderes gab es nicht. Heute ist das Angebot vielfältiger.

Besorgt: Heinz-Hermann Jerrentrup. - © Foto: Andre Schneider
Besorgt: Heinz-Hermann Jerrentrup. (© Foto: Andre Schneider)


Welche Rolle spielt Schule?

Jerrentrup: Der schulische Druck kommt hinzu und verstärkt diese Entwicklung nochmals.

Die Sportart hat eine vergleichsweise geringe Medienpräsenz. Wie wirkt sich das aus?

Jerrentrup: Handball ist eben nicht so populär wie Fußball, die Ballsportart Nummer eins. Volleyball und Basketball haben dieselben Probleme. Glücklicherweise gibt es bei uns noch viele Handballvereine, die vor Ort gute Arbeit leisten.

Viele dieser Vereine eher in ländlichen Gebieten organisiert. Wie bewerten Sie das?

Jerrentrup: Dadurch gibt es eine direkte Identifikation mit dem Verein. Einfach, weil dort alle Handball spielen. In Städten wie Bielefeld oder Herford mag so etwas weniger ausgeprägt sein.

Das klingt nach einem Vorteil für den Handballkreis Gütersloh?

Jerrentrup:Eventuell ja. Ob es tatsächlich so ist, vermag ich nicht zu sagen. Zumindest sind die Vereine hier vor Ort präsent und tun etwas.

Allerdings lassen die schwinden Mannschaftszahlen sich nicht wegdiskutieren. Gibt es eine bestimmte Altersklasse, in der junge Menschen dem Handball den Rücken kehren?

Jerrentrup: In den untersten Altersklassen ist alles gut. Im sechsten oder siebten Schuljahr entwickeln viele dann andere Interesse. Da müssen wir gegensteuern und dürfen nicht nur den Leistungsgedanken im Blick haben.

Was kann der Handballkreis tun?

Info
Zur Person

  • Heinz-Hermann Jerrentrup ist 59 Jahre alt, lebt in Borgholzhausen und arbeitet bei der Volksbank Halle.
  • Mit elf Jahren begann Jerrentrup beim TuS Borgholzhausen mit dem Handballspielen.
  • Seit 1998 ist Jerrentrup stellvertretender Vorsitzender des Handballkreises. Zudem ist er Männerwart und Vorsitzender der technischen Kommission.

Jerrentrup: Wir müssen eine attraktive Saison anbieten. Es darf allerdings nicht sein, dass eine Saison nur von September bis März dauert, damit anschließend rechtzeitig die Aufstiegsspiele stattfinden können. Denn davon gibt es auf Verbandsebene zu viele. Und für die Teams, die nicht daran teilnehmen, ist in der Zeit Leerlauf. Hier muss der Handballkreis den Jugendausschuss des Handballverbandes und die restlichen elf Kreise davon überzeugen, dass es Änderungen gibt.

Wäre eine Zusammenlegung der Kreise hilfreich?

Jerrentrup: Auf Dauer wird es die aktuell zwölf Kreise im Handballverband Westfalen ohnehin nicht mehr geben. Bereits jetzt gibt es im Süden Kreise, die allein nicht mehr dazu in der Lage sind, im Jugendbereich einen Spielbetrieb in allen Altersklassen durchzuführen. Somit wird die Anzahl wahrscheinlich auf acht bis zehn zusammenschrumpfen. Aber es macht ja jetzt schon Sinn zusammenzuarbeiten. So wie wir es schon seit Jahren mit dem Kreis Bielefeld/Herford machen.

Das klingt nach weiteren Fahrten für die Mannschaften?

Jerrentrup: Das muss man relativieren. Denn: Wie oft fahre ich pro Saison in eine Halle, die weiter entfernt ist? Man muss eben auch Kompromisse eingehen, wenn man einen vernünftigen Spielbetrieb möchte.

Was halten Sie von Jugendspielgemeinschaften?

Jerrentrup: Das ist eine gute Sache, wenn die einzelnen Vereine alleine keine Jugendmannschaften mehr auf die Beine bekommen. An der allgemeinen Entwicklung ändern diese Jugendspielgemeinschaften allerdings nichts. Es ist lediglich ein Aufschub des Mannschaftssterbens.

Wie meinen Sie das?

Jerrentrup: Spieler, die sowieso aufhören wollen, werden auch in einer JSG aufhören. Ergo hilft eine Jugendspielgemeinschaft nicht dabei, mehr Teams am Spielbetrieb teilnehmen zu lassen.

In Versmold gibt es vier Vereine, die Handball anbieten und im Nachwuchsbereich in zwei Spielgemeinschaften kooperieren. Was halten Sie persönlich von einer immer mal wieder diskutierten großen Lösung?

Jerrentrup: Das wäre sicher keine schlechte Sache, weil es dann in jeder Altersklasse noch mehrere leistungsstarke Teams gäbe. Letztlich liegt es aber an den Stammvereinen, die müssen sich grün sein. Mir persönlich ist es wichtig, dass es einen vernünftigen Spielbetrieb gibt.

Wie wird es in zehn Jahren um den heimischen Nachwuchshandball bestellt sein?

Jerrentrup: Die Zahl der Mannschaften wird weiter abnehmen, in der Hinsicht ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Auch die Alleinständigkeit der Vereine wird vermutlich weniger werden. Dieses Szenario des Rückgangs wird auch auf die Handballkreise abfärben.

Wenn Sie einen Wunsch für die bevorstehende Saison frei hätten: Was erhoffen Sie sich für den Nachwuchshandball im Kreis Gütersloh?

Jerrentrup: Eindeutig: Das nicht mehr so viele Teams zurückziehen und wir einen reibungslosen Spielbetrieb anbieten können. Die einzelnen Klassen leiden nämlich darunter, wenn Mannschaften zurückziehen. Dann ist schnell die ganze Saison im Eimer.

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