Patienten verbreiten Angst und Schrecken in Bielefelder Klinik

Jens Reichenbach

Symbolfoto - © pixabay.com
Symbolfoto (© pixabay.com)

Bielefeld. In Herford erleiden eine Klinik-Ärztin und eine Krankenpflegerin nach der Attacke eines Patienten schwere Verletzungen (4. März), im Bielefelder Klösterchen rufen Ärzte und Pfleger die Polizei, weil sie sich von Angehörigen massiv bedroht fühlen (23. Januar), auch in der Notaufnahme von Gilead I wird eine Ärztin verletzt. Die Gewalt gegen Klinikpersonal nimmt zu. Darüber sind sich die Betroffenen einig. Doch was kann man tun, um sich wieder sicher zu fühlen?

Gilead I: Hans-Werner Kottkamp setzt auf Deeskalation. - © Manuel Bünemann
Gilead I: Hans-Werner Kottkamp setzt auf Deeskalation. (© Manuel Bünemann)

23. Januar, 23.30 Uhr, Franziskus-Hospital: Mehrere Streifenwagen eilen zur Kiskerstraße, weil dort zwölf Mitglieder einer kurdischen Familie nach dem Tod ihres Angehörigen (83) das Personal bedrohen. "Unser Pfleger ist sehr robust und erfahren", erklärt Franziskus-Chef Georg Rüter. "Wenn der die Polizei ruft, dann war es sehr brenzlig."

Ihm zufolge hatten zuvor zwei Brüder versucht, ihren dementen und herzkranken Vater von der Intensivstation mitzunehmen. "Aus medizinischer Sicht war das völlig undenkbar", erklärt Rüter. "Der Mann hätte es nicht bis nach Hause geschafft." In diesem Trubel erlitt der Patient einen Herzstillstand, die Ärzte versuchten ihn wiederzubeleben und wurden dafür bedroht. Schließlich starb der Patient und die Familie spricht seitdem von Mord. Die angeordnete Obduktion zeigte später, dass der Mann an seinen Vorerkrankungen gestorben war. Möglicherweise habe die Familie die Reanimation als Misshandlung empfunden, versucht Rüter, die Vorgänge besonnen zu erklären.

Er betont: "Wir sind so etwas leider inzwischen gewohnt. Eine Anzeige werde das Krankenhaus nicht stellen." Er spricht davon, dass die Hemmschwellen abnehmen. "Körperliche Übergriffe und Raufereien nehmen zu." Und damit seien nicht nur Betrunkene und Drogenkonsumenten gemeint. "Leider seien oft Bürger mit Migrationshintergrund besonders aggressiv", sagt Rüter. "Die spielen oft die Karte der Ausländerfeindlichkeit. Das weise ich aber sofort zurück. Wir sind ein Haus voller Nationalitäten."

Auch Hans-Werner Kottkamp, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme in der Evangelischen Klinik Bethel (EvKB), kann von solchen Vorfällen ein Lied singen. Er selbst sei vom Ehemann einer Patientin angegriffen und gewürgt worden, weil diesem die Behandlung nicht schnell genug ging. Zuletzt wurde in Gilead I eine seiner Kolleginnen verletzt.

"Meistens sind es die Angehörigen und nicht die Patienten, die Probleme machen", betont Kottkamp. Dass Patienten im Drogenrausch ausrasten, komme vor. Ein Patient hat kürzlich ein ganzes Behandlungszimmer auseinandergenommen. "Der befindet sich aber in einer psychischen Ausnahmesituation. Dem kann ich keinen Vorwurf machen." Was Kottkamp kritisiert, ist das enorme Anspruchsdenken vieler Patienten und Angehörigen.

Franziskus: Laut Georg Rüter nehmen Übergriffe zu. - © Frank-Michael Kiel-Steinkamp
Franziskus: Laut Georg Rüter nehmen Übergriffe zu. (© Frank-Michael Kiel-Steinkamp)

Er könne verstehen, dass die Notfallsituation für die Betroffenen Stress bedeute. "Zumal viele Abläufe im Hintergrund geschehen und für die Wartenden nicht zu erkennen sind", so Kottkamp. Der Chefarzt denke oft über eine Infotafel nach, die mitteilt: "Wir behandeln derzeit fünf schwer verletzte Unfallpatienten, bitte haben Sie Verständnis, wenn es länger dauert." Behandelt werde nach Dringlichkeit, nicht nach Ankunft.

Seit Januar erfasst das EvKB intern jede Gewalttat. Zudem habe die Klinikleitung ein Deeskalationsprogramm für die Angestellten gestartet. Das Personal lerne in den Fortbildungen, Gestik und Mimik zu lesen, nach Rückzugsräumen für den Ernstfall zu suchen, und es werde über Notwehr aufgeklärt. "Wir denken auch über Notfallknöpfe und Selbstverteidigungskurse nach", bestätigt Kottkamp. Hier sollen die Kollegen der Psychiatrie mit ihrer Erfahrung weiterhelfen.

Denn die Gewalt verbreitet Angst. Ein Krankenhauspfleger (27), der anonym bleiben möchte, hat gerade die Abteilung gewechselt: "Auch wegen der Übergriffe im Nachtdienst", sagt er. "Wir werden bespuckt, man droht uns Schläge an. Ein Junkie hat uns mit einem Skalpell bedroht." Ruft einer der Kollegen um Hilfe, lassen Pfleger und Ärzte inzwischen alles stehen und liegen und greifen ein: "Wenn einer völlig ausrastet, halten ihn oft vier oder mehr Leute fest. Er werde dann sediert und komme auf die Intensivstation. Wir müssen ja auch andere Patienten schützen."

Doch es sind nicht nur die Drogen: "Es kommen immer wieder südländische Patienten mit Husten und Grippe ins Krankenhaus, weil die nie zum Hausarzt gehen", sagt der 27-Jährige. "Und wenn die dann nicht sofort behandelt werden, werden sie laut."

Viele Krankenschwestern kämen inzwischen mit einem schlechten Gefühl zur Arbeit, so der Pfleger. Gerade nachts, wenn die Ärzte schlafen, sind sie allein. Kottkamp bestätigt: "Sie sind oft der erste Wutableiter. Viele von ihnen sind zierlich und zart. Sie haben ihren Beruf erlernt, weil sie einfach nur helfen wollen."

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