Sieben Bienenvölker im Garten - Zu Besuch bei einem Imker

Heiko Kaiser

Bienen sind friedlich: Michael Mehrheim hält sieben Bienenvölker in seinem Garten. Die meisten davon stehen auf der Terrasse. Vor Stichen muss er sich dennoch nicht fürchten. Selbst als er einen Wabenrahmen aus dem Bienenstock herausnimmt, hat er lediglich Handschuhe an. - © Foto: Heiko Kaiser
Bienen sind friedlich: Michael Mehrheim hält sieben Bienenvölker in seinem Garten. Die meisten davon stehen auf der Terrasse. Vor Stichen muss er sich dennoch nicht fürchten. Selbst als er einen Wabenrahmen aus dem Bienenstock herausnimmt, hat er lediglich Handschuhe an. (© Foto: Heiko Kaiser)

Halle. Auf der Terrasse von Michael Mehrheim spielen sich wahre Dramen ab. Räuber versuchen in fremde Behausungen einzudringen und werden dabei von gut organisierten Wächtern bekämpft. Pummelige Typen mit Glubschaugen schwirren umher – mit nur einem Ziel: Die Dame ihres Herzens zu begatten. Arbeiterinnen werfen Männer aus dem Haus und liefern sie damit dem sicheren Tod aus. Unbeeindruckt davon bringen Kolleginnen den Ertrag des Tages heim in die Beute.

Imker sein ist spannend. Das wird deutlich, wenn Michael Mehrheim von seinem Hobby erzählt. Der Vorsitzende des Haller Imkervereins steht auf der Terrasse seines Hauses und schaut dem Schwirren zu. Sieben Völker stehen in seinem Garten in der Straße Am Lotteberg – bis zu 60.000 Bienen bevölkern die Beute, wie ein Bienenstock in der Fachsprache genannt wird. Heute ist hier besonders viel Betrieb. Zwei Tage konnten die Arbeiterinnen wegen des schlechten Wetters nicht hinaus. Jetzt heißt es umso fleißiger sammeln.

Von Räuberbienen und Pollenhöschen

Info

Ein Volk erbringt 30 Kilo Honig pro Jahr

  • Bienen haben eine feine Orientierung und prägen sich den Standort ihres Bienenstockes genau ein. Wird der nur um einen Meter verrückt, finden sie nicht mehr zurück.
  • Stellt man hingegen den Bienenstock jenseits des maximalen Flugradius von drei Kilometern auf, erkennen die Bienen das als neue Umgebung merken sich den neuen Standort.
  • Bienen informieren ihre Artgenossen durch tänzelnde Bewegungen über den Standort besonders ergiebiger Trachten – beispielsweise eines Rapsfeldes.
  • Wenn der Imker in den Bienenstock schauen will, bläst er zuvor etwas Rauch hinein. Das lässt die Bienen glauben, es sei Feuer ausgebrochen. Sie stecken ihre Köpfe in die Waben, um schnell Futter aufzunehmen.
  • Zwischen 20 und 30 Kilo Honig erbringt ein Wirtschaftsvolk im Jahr ohne Mühe. Der Ertrag ist abhängig vom Standpunkt der Beute und der Ergiebigkeit der Tracht. Bei Trachtwanderung, das heißt der Verschiebung der Beute an unterschiedliche Orte, kann er auch höher sein.
  • Regelmäßig werden Ausbildungen zum Imker angeboten. Sie beginnen jeweils im Januar. Informationen dazu gibt es beim Imkerverein Halle. Er trifft sich jeden zweiten Mittwoch im Monat ab 19.30 Uhr in der Remise.

„Das sind Räuberbienen. Man erkennt sie an ihrem schwarzen Hinterteil. Bei den Kämpfen haben sie dort ihre Härchen verloren", sagt Mehrheim und beobachtet, wie die Schwarzhintern durch das Einflugloch in den Stock einzudringen versuchen. Sie wollen Nahrung stehlen. Doch die Wächter vertreiben sie – für gewöhnlich. Arbeiterbienen, die mit Pollen beladen zurückkommen, finden hingegen Einlass. „Man erkennt sie an der Farbe. Sie haben Pollenhöschen an", erklärt Mehrheim.

Dabei ist die Bienensaison so gut wie beendet. „Der Sommerhonig ist geschleudert. Die Bienen bereiten sich bereits auf den Winter vor", berichtet der 38-Jährige. Für ihn beginnt damit eine Zeit besonderer Aufmerksamkeit. Weil man dem Volk einen Großteil des gesammelten Honigs entzogen hat, muss regelmäßig überprüft werden, ob im Stock noch genug Nahrung vorhanden ist. „Gegebenenfalls wird zugefüttert, mit einem Weizenstärkesirup", erklärt der Imker.

Mehrstöckig sind die Behausungen der Wirtschaftsvölker. Der obere Kasten ist mit einem Gitter von den darunter liegenden getrennt. Dorthin kann die Königin nicht gelangen, um ihre Eier in die Waben abzulegen. So kann hier der reine Honig gewonnen werden. Die Etagen darunter stehen im Zeichen des Brutaufzugs. Im Mittelpunkt dabei: die Königin. Sie ist größer als alle andere Bienen. Nach ihrem Hochzeitsflug, auf dem sie in etwa 20 Meter Höhe von männlichen Bienen – den Drohnen – befruchtet wird, kehrt sie in den Bienenstock zurück. Dort bleibt sie für gewöhnlich bis zum Ende ihres Lebens, das etwa vier Jahre wärt.

In Spitzentagen legt eine Königin bis zu 2.000 Eier pro Tag. Eine unglaubliche Leistung. Denn das Gesamtgewicht dieser Eier ist größer als das der Königin selbst. Aus den Eiern entwickeln sich Arbeiterinnen, Drohnen oder auch neue Königinnen. Letztere jedoch nur, wenn die alte »Herrscherin« gestorben ist oder den Stock verlassen hat. Dass dies nicht unkontrolliert geschieht, dafür ist der Imker zuständig. „Wenn ein Volk zu groß wird, verlässt die Königin die Beute und nimmt viele Bienen mit, um an einem Ort, ein neues Volk zu gründen", sagt Michael Mehrheim. Um das zu verhindern, bilden Imker sogenannte Ableger, setzen die Königin mit einigen Bienen ist Extrakästen. Zwei davon stehen auf der Terrasse.

Sieben Bienenvölker im Garten

Ein Bienenvolk ist ein Gesamtorganismus, der auch Bien genannt wird. „Jede Biene hat hier eine besondere Aufgabe. Arbeiterinnen sammeln Pollen, ziehen die Brut auf oder verteidigen das Volk. Die Drohnen haben nur die Aufgabe, die Königin zu befruchten. Sie besitzen keinen Stachel und werden von den Arbeiterinnen gefüttert, da sie sich nicht selbst ernähren können", erklärt Mehrheim.

Und weil sie im Winter, wenn Futtermangel herrscht, zu einer Belastung für den Bien werden, gibt es zuvor die sogenannte Drohnenschlacht. Dann werden die etwas dicklichen männlichen Bienen, die auch an ihre großen Augen zu erkennen sind, von den Arbeiterinnen aus dem Bienenstock geworfen und müssen sterben. Alle Energie wird im Winter darauf verwendet, dass die Brut gewärmt wird. Dafür bilden die Bienen eine dichte Traube. Mit ihren Muskelbewegungen erzeugen sie Wärme und halten so die Temperatur auf 37 Grad.

Angst, gestochen zu werden, hat Michael Mehrheim nicht. Auch nicht, als er einzelne Rahmen mit den Waben aus der Beute zieht. Lediglich die Hände sind mit dicken Handschuhen geschützt. „Bienen sind friedlich", sagt er und ergänzt: „Wir sitzen hier ja hier oft selbst auf der Terrasse."

Bienen brauchen offene Pflanzenblüten

Bienen - © Foto: Heiko Kaiser
Bienen (© Foto: Heiko Kaiser)

Die intensivierte Landwirtschaft mit verstärkten Maisanbau hat das Leben der Imker schwerer gemacht. Natürlich achtet Michael Mehrheim deshalb darauf, dass im eigenen Garten Bienen freundliche Pflanzen wachsen. Es ist kein Zufall, dass die Früchte an seinen Apfelbäumen prächtig gedeihen. „Bienen brauchen offene Pflanzenblüten", sagt Mehrheim und zeigt auf eine prachtvolle Rose. „Die ist schön fürs Auge. Aber eben eine geschlossene Blüte und daher nichts für Bienen."

Anschließend berichtet er noch vom Kampf gegen die Varroamilbe, davon, dass jedes Jahr aufgrund unterschiedlicher Wetterbedingungen anders verläuft und zeigt dann auf eine Wespe, die direkt vor dem Einflugloch eine tote Biene frisst. „So ist die Natur", sagt Michael Mehrheim. Wie gesagt, auf seiner Terrasse spielt sich so manches wahre Drama ab.

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